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DER KERZENSTÄNDER
 
Frei nach den Königskindern unbekannten Dichters
 
Ein Mädchen, jung an Jahren noch,
das liebte einen Knaben, doch
da ihre Eltern, wie auch seine,
dagegen waren, dass die Kleine
den Bub in ihre Kammer führte,
und dort nicht nur von außen spürte,
wie sehr sie beide sich begehrt,
das hielten sie für grundverkehrt.

Drum untersagten sie den Zwei’n
ein Wieder sehn, ein Stelldichein.
Es sollte einfach nicht geschehen,
sie sollten nicht zusammen gehen.

Die Jugend, da sie folgsam war,
die wartete, ein langes Jahr.

Dann schrieb sie ihm auf ein Papier:

Mein Liebster

Wann kommst du zu mir?

Bring eine Kerze mit, zur Nacht,
ich halte hinterm Vorhang Wacht.
Und wenn die Glocke zweimal schlägt,
schon jetzt bin ich ganz aufgeregt,
werf ich von oben zu dir Bänder,
gib also acht, auf deinen Ständer,
dass deine Flamme nicht erlischt,
sonst sehen wir uns wieder nicht.
Nun, lass mich nicht
im Dunkeln stehen.
Bis Samstagnacht, auf Wiedersehen!


Als so die Nachricht aufgeschrieben,
hat ein Bedürfnis sie getrieben.
So kam es, dass die Unbewusste
ihr Kämmerlein verlassen musste.

Das Schreiben blieb, das ungeschützte,
was wiederum die Schwester nützte
um rasch die Zeilen zu durcheilen,
denn schließlich müssen Schwestern teilen.

Als dann die Nacht herbeigerückt,
da schlich sie um das Haus, gebückt
in dunkler Kleidung, zwischen Hecken,
kann sich ein jeder gut verstecken.
Und wie der Knabe kam, geschwind
war er vor Liebeseifer blind.

Die Turmuhr schlug, erst eins, dann zwei,
da war der Jüngling schon dabei,
mit einer Hand hielt er die Bänder,
die andre hielt den Kerzenständer.
So hat er, nur mit Körperkraft
denselben in die Höh geschafft,
bis er, so hat er angenommen,
beim richtigen Fenster angekommen.

Genau in diesem Augenblick
griff eine Hand sein Bestes Stück
und brachte arg ihn in Bedrängnis,
so dass der Stoff, wie ein Gefängnis,
sich an besagter Stelle spannte.
Was unser Knabe so nicht kannte.

So hing der Knabe in den Seilen,
doch kein Gedanke mehr an teilen,
denn was da wuchs in ihren Händen
aus unberührten Knabenlenden
und nun, noch immer voller Kraft
entsprungen seiner Einzelhaft,
verschwand, zu dieser frühen Stund
in ihrem aufgerissnen Schlund.

Das Mädchen, mit dem er per Du,
sein eigentliches Rendezvous,
das oben aus dem Fenster sah
was unter ihr aus Neid geschah,
wollt rasch des Knaben Hand ergreifen,
doch dieser hing mit seinem Steifen
und war infolge der Erregung,
nicht fähig irgend ner Bewegung.

Da heiß und innig war ihr Sehnen,
begann sie sich hinaus zu lehnen.
Erreichte schließlich, so im sitzen
den Leuchter mit den Fingerspitzen.

Weil so ihr Schwerpunkt sich verschoben,
hat kurzerhand sie abgehoben
und fiel, wie sollt es anders sein
zum Fenster raus, und nicht hinein,
da Bänder, wenn dran Lasten hängen,
auf Erden meist nach unten drängen.

Dem Knaben mit dem blanken Degen
kam seine Liebste nun entgegen,
in dem Moment, wo unten vorn
die Schwester kräftig blies, sein Horn,
und so ein Feuerwerk entfachte
was ihn nicht grade leichter machte,
dass er die mitgebrachte Fracht
entlud in ihren Speiseschacht.

Das Mädchen, das von oben kam,
den Knaben mit nach unten nahm.
So nahm sie, auf dem Weg hinab,
den Liebsten mit, ins kühle Grab.

Die Schwester war, wie ihr euch denkt,
noch anderweitig abgelenkt.

Der Sturz war nur von kurzer Dauer.
die Schwester auf der Gartenmauer
hielt fest sich, mit der rechten Hand
am Regenrohr vom Unterstand.

Konnt so den Abgang nicht mehr mindern,
grad nur den eignen noch verhindern
und sah, die beiden nach dem Fallen
gemeinsam auf den Boden knallen.

Wie sie schon Anfangs kam geschlichen
ist dann die Schwester auch entwichen.
Den Ständer, mit dem er gekommen,
den hat sie sich noch mitgenommen.

Drum hat man beide, erst nach Stunden,
vorm Haus im Garten aufgefunden.

Fazit:


der Ständer gilt als Bindeglied.
Weil große Liebe wenig zählt,
wenn dabei die Verbindung fehlt.

by Balthasar Luenebelt

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